18. Juli
Wachstum entsteht durch Verletzlichkeit
>> Wir bitten um Hilfe und können uns verändern. Mit anderen zu teilen kann auch ein Risiko sein, doch wenn wir uns verletzlich zeigen, können wir wachsen. <<
Basic Text, Kapitel 9: Nur für Heute – nach dem Programm leben
Einige von uns lernten – aus reiner Notwendigkeit – schon sehr früh, unabhängig zu sein, weil die Menschen und Einrichtungen, die für uns sorgen und helfen sollten, uns ständig enttäuscht haben. Diese Fähigkeit half uns auch in unserer aktiven Sucht. Doch irgendwann hörte sie auf zu funktionieren. Andere von uns suchten in der aktiven Sucht durchaus nach Hilfe. Aber die Hilfe, die wir wollten, sollte unsere Sucht füttern und nicht unser Wachstum, und so gerieten wir oft in riskante Situationen. Das machte uns verletzbar, aber in Sicherheit waren wir nicht.
Zu NA zu kommen ist in sich ein Eingeständnis, das wir Hilfe brauchen. Aber denken wir bei unserem ersten Meeting tatsächlich an unser persönliches und spirituelles Wachstum? Das würden die meisten von uns wohl herzhaft verneinen! Wir wollten einfach nur aufhören, Drogen zu nehmen. Ein Mitglied teilte: „Um Hilfe zu bitten kam einfach nicht in Frage. Das hätte bedeutet, dass ich schwach, ein Jammerlappen, ein Verlierer bin. Mich verletzbar zu zeigen hieß für mich, gedemütigt, abgelehnt, verlassen zu werden, oder man hätte sich an mir gerächt. So ist es mir zumindest da draußen passiert.”
Auch in Genesung gehen wir beim Teilen Risiken ein. Ablehnung ist möglich und kommt vor. Wir setzen uns unseren Gefühlen der Scham und Schuld aus. Wer will das schon erleben? Manchmal riskieren wir auch, persönliche Verantwortung übernehmen zu müssen – wenn wir beispielsweise jemandem sagen, was wir denken oder fühlen, dann heißt das vielleicht, dass wir etwas tun müssen. Einzelkämpfertum und Geheimniskrämerei tragen allerdings nicht zu unserer Sicherheit bei. Unsere Angst wächst, genauso wie unsere Isolation, und auf einmal kommt uns ein Rückfall verlockend vor.
Unser Wachstum in Genesung bewirkt, dass die Isolation oder das Ausleben von Charakterdefekten irgendwann weit größere Schmerzen verursacht, als ehrlich zu teilen, was bei uns gerade los ist. Wenn wir mit anderen Mitgliedern teilen machen wir die Erfahrung, dass wir angenommen, unterstützt und geliebt werden. Wir lernen, dass es Mut erfordert, verletzlich zu sein. Unser Wunsch, als genesende Süchtige zu wachsen, ist stärker als unsere Ängste, uns bloßgestellt zu fühlen.
Ich überprüfe, was ich noch zurückhalte und wo ich Angst habe, mich verletzlich zu zeigen. Auch wenn ich mich heute noch nicht entscheide, um Hilfe zu bitten – ich weiß, dass ich in größerer Sicherheit bin, wenn ich es tue.
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